• Die Anrufung an Patañjali


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    Patañjali und die Yoga-Sūtras

    Dem sagenumwobenen Gelehrten Patañjali werden verschiedene altindische Sanskritwerke zugeschrieben. Insbesondere gilt er als Autor der Yoga-Sutras, welche aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen 350 und 450 n. Chr. verfasst wurden. Bei diesem Werk handelt es sich um einen komplexen philosophischen Text, der sich in vier Kapitel gliedert und insgesamt 195 Aphorismen umfasst. Patañjali hat darin verschiedenste derzeit bereits bestehende Ideen von Yoga- und Mediation zusammgengefasst und im Rahmen einer einheitlichen Metaphysik (samkhya) systematisiert. Im Wesentlichen beschäftigt sich der Inhalt des Textes mit der Natur des Universums und des Selbst, mit der Funktionsweise des Geistes und mit dem Weg zur Erlösung. Außerdem beinhaltet der Text Hinweise zur praktischen Ausübung des Yoga und zur Erlangung übernatürlicher Fähigkeiten.

    Das grundlegende Ziel der Yoga-Sutras ist es, den Weg zur Auflösung des existenziellen Leidens zu vermitteln, welches das menschliche Dasein charakterisiert. Dreh- und Angelpunkt von Patañjalis Erlösungslehre ist der menschliche Geist (citta). Die Ursache des Leidens ist, dass dieser sich mit dem materiellen und sterblichem Körper sowie mit dem Ego oder „Ich-Besusstsein“ identifiziert und daher die eigentliche Identität des Selbstes verkennt, welches in Wahrheit ein reines Gewahrsein (purusha) und vollkommen frei und unsterblich ist.

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    Übersetzung: Ich verneige mich mit gefalteten Händen vor Patañjali, dem höchsten Weisen, der die Unreinheiten des Geistes durch den Yoga, die Unreinheiten der Sprache durch die Grammatik und die Unreinheiten des Körpers durch die Medizin beseitigte. Ihn dessen Oberkörper menschliche Gestalt hat, der ein Muschelhorn und einen Diskus trägt, der weiß ist und tausend Köpfe besitzt, diesen Patañjali verehre ich.

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    Die acht Glieder des Yoga (YS II.29)

    1. Yama: Moralische Enthaltungen, die sich auf das Verhalten nach außen hin beziehen. Sie lauten: Gewaltlosigkeit, Aufrichtigkeit, Nicht-Stehlen, Enthaltsamkeit und das Nicht-Anhäufen oder Nicht-Begehren von Besitztümern.

    2. Niyama: Ethische Gebote, die sich auf das Verhalten sich selbst gegenüber beziehen. Sie lauten: Reinheit, Zufriedenheit, Askese, das Studium der Schriften und Hingabe an das Göttliche.

    3. Āsana: Sitzhaltung zur Ausübung der meditativen Yogapraxis. Außerdem Körperhaltung oder -übungen, die den Körper auf diese Praxis vorbereiten, sodass man während der Meditation über längere Zeit eine zugleich stabile und komfortable Sitzposition aufrecht erhalten kann.

    4. Prāṇāyāma: Das Kontrollieren und Zügeln der Atmung durch eine methodische Verlangsamung des Atemflusses, welche darauf zielt, auch den Geist in einen kontrollierten und beruhigten Zustand zu versetzen.

    5. Pratyāhāra: Das Zurückziehen der Sinne von der Außenwelt bzw. den Sinnesobjekten.

    6. Dhāraṇā: Konzentration oder das Fixieren des Geistes auf ein Meditationsobjekt.

    7. Dhyāna: Meditation oder das kontinuierliche und ununterbrochene Fließen des Geistes zum Objekt der Meditation ohne von ablenkenden Gedanken gestört zu werden.

    8. Samādhi: Endgültige meditative Versenkung in das wahre Selbst, welches nicht anderes als reines, vollkommen freies und unvergängliches Gewahrsein ist.